Bemerkenswert

Axels Radreise von Wolfsburg nach Genf / 22. Mai – 25. Juni 2017

Die Route: gesamt ca. 1390 km, 7.000 hm

1. Etappe
Start: Wolfsburg – Braunschweig – über Volpriehausen / Solling nach Göttingen

2. Etappe:
Göttingen – Fritzlar – auf dem hessischen Radfernweg R4 nach Süden bis
Eberbach am Neckar – Neckarradweg flussaufwärts bis Stuttgart – Filderstadt /
OT Bonlanden

3. Etappe:
Bonlanden – dem Hohemzollernradweg am östlichen Rand des Schwarzwaldes folgen bis Tuttlingen – zum Rheinfall bei Schaffhausen – Bodensee –
Rheinradweg aufwärts bis zur Rheinquelle am Oberalppass – Andermatt

4. Etappe:
Andermatt – Furkapass (evtl. ohne Gepäck oder notfalls per Bahn) –
Brig – Rhoneradweg flussabwärts zum Genfer See – Genf (wenn die
Rahmenbedingungen passen, auf der bergigen französischen Südseite entlang)
– zurück per Bahn nach Wolfsburg

1 Woche nach dem letzten Radreisetag – eine erste Reflexion

Es ist nun 1 Woche her, dass ich Genf als Zielort meiner Radreise verließ.
Ich möchte in einer ersten Reflexion ein paar Gedanken beschreiben, die mir im Moment durch den Kopf gehen.
Ich denke, auch später noch Gedanken zu diesem oder künftigen Projekten hier zu äußern. Darüberhinaus bestünde die Möglichkeit, diese Homepage – unter anderem Namen – als Plattform zum Informationaustausch unter „Parkis“ oder unter Fahrradfahrern zu nutzen. Dazu müsste sie interaktiver werden, nicht nur lange berichte von mir und kurze Kommentare von Lesern. Dann bräuchte ich ein anderes Layout und Rückmeldungen, ob das überhaupt ingteressant sein kann.

Doch bevor ich meine Gedanken beschreibe, liegt es mir am Herzen, etwas zu den
Rahmenbedingungen zu sagen, die ein solches Projekt erst ermöglichen:
Da ist in allererster Linie meine Frau Bärbel. Sie steht uneingeschränkt zu mir auch als Parkinsonpatient, was überhaupt nicht selbstverständlich ist. Und sie gibt mir den Freiraum, einfach mal für 5 Wochen unterwegs zu sein und dabei auch noch einen nicht unbeträchtlichen Teil unseres Urlaubsbudgets für mich allein auf den Kopf zu hauen.
Und dann komme ich nachhaus, habe den Kopf noch voll mit Erinnerungen vermischt mit Zukunftsspinnereien (Pyrenäen vom Atlantik zum Mittelmeer mit dem Rad überqueren z.B.). Und eigentlich ist jetzt die Zeit, den Sommer gemeinsam zu genießen. Ich muss aufpasssen nicht von der Radreiseaktivität in die tagfüllende
ehrenamtliche Aktivität zu rutschen. So, das musste ich loswerden.
Der zweite Punkt ist mein Umfeld, das mir immer wieder Mut gemacht hat:
meine Söhne, Schwestern, Neffen. Immer wieder habe ich gespürt, dass sie mir vertrauen, es zu schaffen und haben mich auf meinen Zwischenstationen mit neuer Reisepower versehen. Zu dem Umfeld gehört auch die Vorsitzende und andere Mitglieder meiner Selbsthilfegruppe PaJuBS e.V. Ganz besonders danken möchte ich an dieser Stelle Stephanie Heinze von der Hilde-Ulrichs-Stiftung für Parkinson-Forschung und ihrem Mann Thomas, die mich in Frankfurt so nett betreut haben und meinen Umstieg auf der Bahnrückreise zu einem Glückwunsch-Empfang genutzt haben. Ein ehemaliger Kollege hat meine Route graphisch dargestellt. Und so gibt es noch etliche tolle Beispiele, die ich hier gar nicht alle nennen kann. Manchmal habe ich gedacht „Ich fahre doch nur Fahrrad und es macht mir Spaß“, ich bin doch kein Held oder so etwas ähnliches.

Ich sehe aktuell 3 Felder die ich als „Wirkungstreffer“ beschreiben möchte:
1. Was hat das Projekt bei mir als Persönlichkeit bewirkt
2. Welche Erfahrungen habe ich als Parkinson-Patient gemacht
3. Wie sehe ich das Projekt als Radreisender

1. Das Wesentliche ist: die Durchführung des Projekts Wolfsburg-Genf hat mir ringsum gut getan. Ich bin nicht ausgepowert, fühle mich fitter und besser als vorher. Ich habe die Chance genutzt, einen meiner Träume zu verwirklichen. Ich war mir im Vorfeld nicht immer sicher – völlig unabhängig ob ich Parkinson habe oder nicht – ob alle Aspekte zu meiner Kragenweite passen. Es sollte auch ein Selbsterfahrungsexperiment sein: wie gut kann ich meine Grenzen noch einschätzen und wie reagiere ich im Grenzfall? Grenzen einschätzen heißt für mich: etwas als nachhaltigen Erfolg zu sehen, heißt meine Komfortzone zu verlassen und so weit ins Risiko gehen, dass ich noch außerhalb einer naiven Mit-dem-Kopf-durch-die-Wand Selbstgefährdung bleibe. Nach meinem persönlichen Empfinden habe ich das gut gemeistert, sowohl ganz allgemein die Strecke (Profil, Länge) als auch die schwierigen Situationen betreffend (Furkapass radeln können ohne „Schwächeanfall“ und dafür Gepäck aufgeben, Geschwindigkeit auf Abfahrten: schnell aber nicht halsbrecherisch).
Was kann ich noch reißen? Ich finde, noch ganz beachtliches mit 65 Jahren.
Die Schlussfolgerung für mich ist: das Projekt hat mir soviel Spaß gemacht, dass es sich lohnt, über künftige Projekte nachzudenken.
Unabhängig davon habe ich den Eindruck, das Gelingen dieses Projekts hat mich nicht nur selbstzufriedener sondern auch gelassener gemacht. Ich werde mich – hoffentlich länger anhaltend – weniger von alltäglichem Kleinkram zumüllen lassen.

2. Axels Radreise als Parkinson-Patient: zwei Leitmotive sind mir wichtig.
Ich spüre, dieses „Keep Moving – bleib in Bewegung“ ist enorm wichtig für das Wohlbefinden als Parkinson-Patient. Ich habe hier unserem Taiji-Trainer Mirko
Lorenz den Namen vorübergehend geklaut: Keep Moving ist ein bisher einzigartiges Taiji-Trainingskonzept, das ganz spezifisch auf die Bedarfe von Parkinson-Patienten zugeschnitten ist. An diesem Training nehme ich wöchentlich regelmäßig teil. Auf die Dauer fühle ich mich trotz Parkinson wohl, wenn ich möglichst vielfältige Bewegung habe: Taiji, Krafttraining, Radfahren, Gymnastik nach Musik, Walken oder Laufen mit Smoveys.
Einige Parkinson-Patienten haben mich gefragt, wie ich unterwegs – bei der relativ höheren körperlichen Belastung als zuhaus – mit meiner medikamentösen Einstellung klar kam. Ich kann nur sagen: hervorragend. Ich hatte den Eindruck – wenn die Belastung nicht zu hoch war – dass ich unterwegs mitunter mit weniger Medikamenten ausgekommen wäre.
Allerdings möchte ich an dieser Stelle auch dem gesanten Team der Parkinson-Klinik in Beelitz bei Potsdam danken, die mich im Februar so super fit gemacht und eingestellt haben, dass ich dieses Projekt überhaupt in diesem Umfang angehen konnte.
Der zweite Parkinson-Aspekt heißt „trau dich!“ Ich wollte etwas für mich außergewöhnliches unternehmen. Ich glaube, das ist gerade dann wichtig, wenn man eine chronische Krankheit hat und eigenverantwortlich für Lebensqualtität sorgen möchte. Manche Leser meiner Homepage sagten zwar „sowas könnte ich nie“, aber es ging mir auch nicht darum, jeden Betroffenen mit dem Fahrrad Richtung Alpen zu schicken.
Wichtig ist mir die Botschaft: schau in dich hinein und schätze deine Rahmenbdingungen ein „was sagt mir meine innere Stimme, was ich gern täte“, was ginge noch zu tun (ich freue mich über das, was noch geht und ärgere mich nicht darüber, was eventuell nicht mehr geht). Das können 1000 verschiedene Dinge sein.
Hauptsache ist es zu entscheiden: ich mache das jetzt! Ich selbst glaube, dass ich ohne Parkinson diese Reise nicht gemacht hätte. Wahrscheinlich hätte ich hier und dort mal eine kleinere Tour gemacht. Im Moment denke ich, dass dieser Aspekt bedeutet
„Parkinson hat mir auf einem Feld mehr Lebensqualität gebracht als wenn ich
nicht betroffen wäre.
Also: immer in Bewegung bleiben und sich schöne Projekte suchen und diese dann möglikchst umgehend umsetzen.

3. Meine Sicht als Radreisender. Ich hatte natürlich im Vorfeld etwas trainiert. Allerdings wesentlich weniger, als ich ursprünglich wollte. Aber auch aus diesem Aspekt war die Reiseroute aus meiner Sicht richtig gewählt. So hatte ich zu Beginn der Tour die „kleinen“ Sehenswürdigkeiten von Niedersachsen durch Hessen mit dem Vogelsberggebiet und dann durch Baden-Württenberg mit der schwäbischen Alb, bevor auch die touristischen Highlights der Tour in den Alpen sichtbar wurden. Außerdem
glaube ich, dass die Sicht in ein Gebirge hinein schöner ist als wenn man hinausfährt, also flussaufwärts statt flussabwärts.
Der zweite Aspekt ist der Trainingseffekt: ich hatte sowohl im Vogelsberggebiet als auch beim Radeln durch oder über die schwäbischen Alb mitunter soviele Höhenmeter wie später auf den Alpenpässen auf meinem Tacho. Dadurch war ich in den Alpen – sowohl am Rhein als auch an der Rhone – gut fit. Und dieses Bergfahren hat aus sportlicher und mentaler Sicht enorm viel Spaß gemacht. In dieser herrlichen Umgebung sich die Berge hochzukämpfen und dann gut kontrolliert wieder bergab rasen zu können.
Allerdings habe ich nach und nach gemerkt, dass ich zuviel eingepackt hatte und schickte dann einige Dinge wieder nachhaus. Das werde ich bei der nächsten Reise ändern.
Mein Reiserad passte haargenau für mich. Ich hatte mich im letzten Jahr entschieden, mein Maxcycles Steel light mit etwas zu groß geratenem Diamantrahmen – beim breitbeinig abspringen musste ich aufpassen wo das Oberrohr ist – einzutauschen gegen ein Fahrrad mit Diamantrahmen. Mithilfe des Kundenberaterteams im Radhaus bei Velocity in Braunschweig entschied ich mich für ein VSF TX 400 mit Trapezrahmen.
Dieses Fahrrad ist für mich der optimale Kompromiss: leer fast wie ein MTB zu handeln und auch beladen handlich und gleichzeitig sehr stabil. Das Rad ist kein Leichtgewicht, aber mithilfe der passgenauen Einstellung meines nun VSF TX 400-Axel-Reiserades mit noch berggängiger gemachter Schaltung (das kleine Kettenblatt vorn durch ein 22-er ersetzt) konnte ich den Oberalppass mit vollem Gepäck und den Furkapass mit reduziertem Gepäck bewältigen.
Etwas Neid kam ein paarmal auf, wenn Menschen auf Rennrädern scheinbar so leicht vorbeischwebten. Ich besaß noch nie ein Rennrad, aber vielleicht kann mein
Lieblingskundenberater es organisieren, dass ich mir ein einfach zu handhabendes Trainingsrad für 1 Tag ausleihe um dieses Gefühl einmal zu erleben.

Nachtrag: ich war auf meiner 1. Radreise in diesem Umfang noch viel mit dem Radeln, Landschaft anschauen und meinen eigenen Gedanken beschäftigt, dass ich relativ wenig mit anderen Menschen intensiver in Kontakt kam. Das war allerdings zwei mal besonders angenehm so: bei der Familie in Steigmatt „Schlafen im Stroh“ mit ihrer Menschen- und Tierliebe und bei meinem Aufenthalt in Biel, als die Frau meines sympathischen Gastgeber-Ehepaares auch noch Taiji-Trainerin war – in einem kleinen fast museal anmutenden Bergdorf mit einer stabilen Teilnehmergruppe.

Ich fühle mich in meiner Persönlichkeitsentwicklung positiv weiter, als Parkinson-Patient wohler und unbeschwerter und sportlich fitter als vorher.

Der 1. Tag nach der Radreise – erste Gedanken 

Gestern schrieb ich schon, es sei ein schneller Wechsel: vor so kurzer Zeit noch gefühlt dauerhaft in den Bergen und dann – zwei Stunden in die Pedale getreten und vor dir ein See, die Berge hinter dir und zwei Tage später ist die Reise vorbei. In meinem Kopf sind tausende Splittter an Erinnerungen: Landschaften, Menschen, meine Gefühle in verschiedenen Situationen, in wievielen Zimmern und Betten habe ich übernachtet. Da sammelt sich in 4Wochen eine Menge an. Vieles davon sind wirklich noch Splitter wie vom Wind aufgewirbelte Puzzleteile, die erst geordnet werden müsssen. In nüchternen Zahlen ist das einfach gemacht: 1.606 km und 13.900 hm laut Navi-Aufzeichnungen, ob das so genau ist… aber gefühlt ging es fast jeden Tag rauf und runter:Weserbergland, Solling, hessisches Bergland, schwäbische Alb und zuletzt die Alpen. Wobei die beiden Passüberquerungen kaum mehr Höhenmeter hatten als andere Tage mit Achterbahnradeln.

Klar ist: es war ein tolles Erlebnis für mich! Und ich bin mir bewusst und auch dolle dankbar dafür, eine Frau zu haben, die das nicht nur zulässt, sondern mich auch liebevoll unterstützt. Das geht nicht allen Menschen mit einer chronischen Krankheit so und schon gar nicht, wenn sie fast 5 Wochen durch die Gegend radeln und das Familienbudget auf den Kopf hauen. Nichtsdestotrotz geht mir alles mögliche durch den Kopf, Träume und Ideen für die Zukunft genauso wild gesplittert wie die Erinnerungen: da schießt mir z.B. durch den Kopf (komisch, war nur Bärbel aufgefallen: siehe nächster Satz „Richtigstellung“) mit Bärbel mal wieder nach Bozen und Meran, wandern und genießen, dann knallt vorbei „wollte schon für zig Jahren in die Pyrenäen, Überquerung per Rad oder wenn an der Rhône die Rennradfahrer ohne Power so vorbeigleiten – vielleicht leiht mir mein Fahrradladen mal ein Rennrad für einen Tag, nur dieses Gefühl erleben – und dann fällt mir ein, was in unserer neuen Wohnung noch an Kleinigkeiten zu tun ist, mein Chaos-Kelller und nebenbei will ich wieder ganz normal auf den Teppich kommen, mit Bärbel frühstücken gehen, mit meinen Enkeln spielen und überhaupt mit der Familie mal wieder treffen und so weiter… Es ist gut, dass ich noch ein paar Tage zu meiner Schwester nach Filderstadt fahre. Wenn ich zuhause ankomme, werde ich mich möglichst schnell wieder strukturieren (und das schon nach 5 Wochen…) und schauen was ist los in meiner PaJuBS-Gruppe, im ADFC…

Nun die Richtigstellung: betrifft 26. Tag von Biel nach Sierre. Wenn man vom Furkapass in das Rhônetal fährt und dann noch vom Einstieg in den Simplonpass erzählt, warum fällt niemandem außer Bärbel auf, dass ich offensichtlich spät abends keine Korrektur mehr gelesen habe und nur einmal richtig schrieb „Brig“, und sonst plötzlich über Bozen faselte. Ich hoffe, die Bozener sind mir nicht böse, DIE Stadt lohnt sich auf jeden Fall! 

So, nun noch schnell die Kurve kriegen. Weil in meinem Kopf nicht nur Radfahren stattfindet: ein Grund für mich, in Genf einen Tag zu verweilen war, den Sitz der Vereinten Nationen (Palais des Nations, früher zu deutsch Völkerbundpalast) zu besichtigen. Ich will an dieser Stellle gar keine Details berichten, das würde nicht zu dem Part oben passen. Nur eins: für mich haben solche Einrichtungen eine enorme Bedeutung. Ich bin dann auch ganz berührt – ebenso wie letztes Jahr, als Bärbel und ich den Friedenspalast, Sitz des internationalen Gerichtshofs in Den Haag besichtigen konnten. Ich freue mich dann einerseits über die vielfältigen, oft sehr zähen Bemühungen eines Teils der Menschheit in Frieden und eigentlich ganz normalen internationalen Beziehungen zu leben. Doch gleichzeitig kommen mir echte Tränen der Wut, dass es so wenigen Machtmenschen gelingt, gegen sicher zahlenmäßig über 90% der Menschen auf dieser Welt soviel Zerstörung und Elend zu verbreiten. Vielleicht kommentiere ich in den nächsten Tagen ein paar Fotos und berichte ein paar Informationen.

29. und abschließender Tag, Montag, 19.6.2017: Tartegnin – Genf / 46 km, 280 hm

Am Morgen bekam ich ein gutes Frühstück am Familientisch. Wie immer werde ich gefragt, woher ich komme mit dem beladenen Fahrrad. Aus Norddeutschland?? Und das ist wirklich kein E-Bike?? Die Parkinson-Story lasse ich schon immer weg. Weil wenn ich sage, ich bin nach den 4 Wochen nicht ausgelaugt, es geht mir besser denn je, fällt vielen die Kinnlade runter. Offensichtlich haben viele Menschen die einfache Tatsache, dass mechanische Systeme bei Bewegung verschleißen, im Gegnsatz dazu regenerieren sich biologische Systeme bei Bewegung. Egal, jedenfalls wünschen mir alle – und das klingt ehrlich – eine gute Weiterfahrt.

Heute geht es durch die Weinberge bergab, auch mal gut. Doch bald ändert sich das Bild. Ich komme in eine Gegend, in der vornehmlich Ackerbau betrieben wird. Dass die Grenze zu Frankreich hier mitunter nur ein paar hundert Meter entfernt ist, merke ich daran, dass stellenweise mehr Autos mit französischen Kennzeichen unterwegs sind als Schweizer. Ich nehme an, darunter viele Arbeitsmigranten. Die Route führt zwar nicht auf dem kürzesten weg nach Genf, aber dafür istes noch einmal richtig schön. Mir geht schon alles mögliche durch den Kopf. Einerseits muss ich mir aus den vielen Telefonadressen noch eine bezahlbare Unterkunft in Genf besorgen und meine Zugfahrt am Sonntag nachhaus ist noch nicht geregelt. Ich hatte zunächst gedacht, gibst du die alte Fahrkarte zurück und besorgst dir eine neue, kann ja nicht so schwer sein. Aber die Verbindungen wurden nicht nur stündlich teurer, für die Strecke Stuttgart-Wolfsburg kam immer freundlicherweise ganz zum Abschluss der Buchung – und das sind jedes Mal etliche Schritte: leider sind gerade alle Fahradplätze vergeben…. na toll. Und dann kamen Verbindungen hinzu, da war dann die 1. Klasse preiswerter, aber auch ohne Platz für das Fahrrad im Zug.  Na ja, wenn die alten IC-Wagen nur die paar Plätze haben, an denen das Fahrrad auch noch umständlichst an die Decke gehängt werden solll… Da kam mir die Idee: wieso das alte Ticket stornieren? Das enthält zum Supersparpreis die Verbindung Basel-Wolfsburg, und die geht über Mannheim, Frankfurt… Über Würzburg als Umsteigebahnhof würde ich eh nicht fahren, die haben weder Rolltreppe noch Fahrstuhl noch nutzbare alte Postrampe – eben nichts. Erstaunlich, dass solche musealen Stationen immer noch als Umsteigebahnhof mit Fahrrad im Fahrplan auftauchen. Nach etlichen Versuchen erreiche ich jemanden beim Auslandsservice der DB, womich die Fahrkarte erworben hatte, weil Auslandsverbindungen mit Fahrrad kann man nicht online buchen. Weil du dann extra eine Zollerklärung unterschreiben musst. Klingt erts bürokratisch, scheint dann aber in einer Zeit, in der für Aktiengewinne einBus in die Luft gesprengt wird, doch sinnvoll. Ich will also fragen, ob sie meinen ab Basel vorhandenen Fahrradplatz ab Frankfurt sicherstellen können. Ich befüchtete nämlich, dass dieser, ebenso wie eine Sitzplatzreservierung, eine Viertelstunde nach Abfahrt entfallen kann. Nach langer Wartezeit erklärt mir der freundliche Auslandsbedienstete “ ihr Fahrradplatz bleibt die ganze Strecke reserviert, auch wenn Sie erst in Frankfurt zusteigen“. Nun ja, den möglichen Verlust des Sitzplatzes kann ich bei 4 Fahradtaschen verschmerzen, da baue ich mir eben einen Sitz. Und flugs für einen guten Preis das Ticket bis Frankfurt gebucht. Frankfurt deshalb eher als z.B. Mannheim, weil nach wie vor Kopfbahnhöfe für Fahrradreisende immer noch das beste sind. Und auch so, Bahnsteige und Verkaufsstände auf einer Ebene, irgendwie hat das mehr Eisenbahn-Reise-Atmosphäre als diese Ansammlung von Kellergeschäften. Ok, nun noch schnell das Zimmer für heute Abend besorgt. Hä, so einfach ist das nicht. Ich habe zwar eine ganze Liste mit Jugendherberge, Hostels, chambres d’hôtes (Gästezimmer in Pensionen oder privat), aber Genf ist nicht nur teuer, scheint auch beliebt zu sein. Also stehe ich am Ortseingang von Genf in einem Park im Schatten, habe zwar endlich die Heimreise unter Dach und Fach, höre aber jedes Mal „pardon monsieur, nous sommes complet“. Nun ja, ich finde es komplett besch… stehe schon ewig hier. Dann kommt meine persönliche auditive Bestleistung: eine freundliche, aber zart und leise klingende Frauenstimme sagt, sie hätten nocht etwas frei und erklärt mir Preis und Angebot. Ausgerechnet jetzt nimmt der Verkehr vor dem Park zu und ich verstehe immer „centseptante Francs per nuit“, klingt in meinen Ohren wie 170 Franken pro Nacht und ich merke nicht einmal, adss es diese Zahl centseptante im französichen gar nicht gibt, müsste heißen „centsoixantedis“. Aber ich merke es nicht, macht wohlmauch die Hitze. Muss ja eine Entschuldigung haben. Zum Schluss einigen wir uns: ich schicke ihr eine kurze Mail und sie antwortet mit Preis und Angebot. Da waren es dann 107 Franken mit Frühstück, Dusche/WC auf dem Zimmer und kostenlose ÖPNV-Nutzung. Also machte ich mich auf den Weg, verstand unterwegs die Anweisungen vom Navi nicht, musste natürlich einmal steil über den „Rathausberg“, der Radweg durch einen Park war verschlossen … doch endlich kam ich ans Ziel. Und bereute nichts. Alles war wieder gut. Mitten in dieser relativ kleinen internationalen Metropole stand mitten in einem großen Park eine alte Villa das “ Le Cénacle“. Kurzum, ein nüchtern eingerichtetes, aber ruhiges und sympathisches Haus. Die Zimmer sind einfach und knapp eingerichtet, ähnlich wie die Einzel-  und Doppelzimmer in den modernen Jugendherbergen. Ich sehe eine Tür zu einer kleinen Kapelle im Haus mit einem Schild zum Leben mit Gott. Ich recherchiere, was Cénacle wohl bedeuten mag: kommt aus dem lateinischen und bedeutete so etwas wie einfacher Speisesaal oder auch einfache vermietete Räume. Ok, das Motto passt zum Haus. Bei der Gelegenheit will ich auch wissen, woher im französischen für „Genfer See“ der Begriff „Lac Léman“ kommt. Natürlich auch aus dem lateinischen: der Teil leman kommt aus dem keltischen und bedeutet großes Wasser, See und schon die Römer erfanden den Doppelnamen mit dem lateinischen Wort für See und em keltischen dazu. Also heißt dieses Binnengewässer auf deutsch übersetzt so viel wie „See-See“. Auch gut. Aber für den Rest des Tages bin ich ziemlich geschafft, suche mir noch einen Bankautomaten und gleich dabei ein Supermarkt. Zum Essen gehen habe ich nicht nur wegen des horrenden Preises keine Lust. Ich kaufe noch schnell etwas ein, das ich auf meinem Zimmer in Ruhe genießen kann und dann fallen mir bestimmt bald die Augen zu. 

Außerdem geht mir alles mögliche durch den Kopf. Jetzt ist die Radreise vorbei. Jetzt kommt einerseits wieder das normale Leben ( muss ja auch mal wieder auf den Teppich kommen). Aber das soll eigentlich auch nicht das letzte Projekt gewesen sein. Doch dazu verrate ich vielleicht später mehr.

Der Übergang von den Weinbergen zur von Feldwirtschaft geprägten Landschaft:


Irgendwo ein kleiner Flugplatz für Sportflieger, am Rand steht eine Antonov AN 2: ein russischer Doppeldecker, der wegen seiner großen Flügelfläche extrem langsam fliegen jnd auf kürzesten Pisten starten und landen kann:


Unterwegs: auf einer Baustelle an einer Bundestraße wird ein Radweg abgetrennt, niemals sah ich hier eine Schild an einer Baustelle „Radfahrer absteigen“, übrigens ist auch in den größeren Städten das Radfahren fast überall auf Angebotsstreifen möglich, fast immer gibt es Aufstellflächen für Fahrräder an Ampelkreuzungen zum direkten Linksabbiegen – nun ja, wir können bei usn halt noch lernen:


Der Beweis: Axel hat nach 4 Wochen und einem Tag Genf erreicht:


Genf und mein Hotel hier im Park:


Last but not least: eine Anzeige auf dem Stadtplan von Genf

„Ich würde ja gern mehr Fahrrad fahren, aber – aber durchgestrichen und darunter: wenn du besser leben willst, musst du auch mehr Fahrrad fahren“ – es ist eben das Nahverkehrsmittel der Zukunft


Und dennächst verrate ich vielleicht mehr über meine Gedanken zu „après vélo“ – wenn es auch après ski gibt…

28. Tag, Sonntag 18.6.: Troistorrents – Tartegnin / 93 km, 560 hm

Nach einem für 5 Franken netten kleinen Frühstück ging es los Richtung See:  einmal halb rum und zack – schon bist du in Genf. Mit „zack“ startete auch die Tagesetappe: eine hypergeile Abfahrt – ich hatte in Biel Tour de Suisse im Tv gesehen, so annähernd ging das hier auch gut runter. Und diese super Aussichten. Nur Vollbremsung und Foto geht nicht: wäre Spaßbremse und bis das volle Rad steht ist die Aussicht vorbei. Unten ging es durch das am Sonntagmorgen noch leere Monthey zügig zum Rhôneradweg. Der führte zwar wieder auf dem asphaltierten Rhônedamm weiter, war aber landschaftlich schön und langsam wurde auch die Talöffnung zum See hin sichtbar. Ein wenig war ich auch wieder bei der Tour de Suisse:  heute Einzelzeitfahren. Und Axel auf guter Strecke ohne Gegenwind unterwegs – nach 25 km hatte ich einschließlich der Abfahrt immer noch einen Schnitt von etwas über 19 km/h. So macht das Spaß!

Und dann kam ich in die Landschaft des Deltas der alten Rhône, ein wunderschönes Naturschutzgebiet, durch das sich der schmale und teilweise Wander- und Radweg hindurchschlängelt. Hier entschleunigst du ganz von selbst. Und gleich bei einem kleinen Sportboothafen eine kleine Bank, Zeit für einen Schluck aus der Plastikpulle und ein paar Salzstangen.

Bei Villeneuve kommt der Weg an den See. Was plötzlich für eine Weite. Und ein Blick zurück: die Berge zeigen mir, da bist du hergekommen. Jetzt bist du raus aus den Bergen, irgendwie ging es im Nachhinein schnell. Erst aufregende Gedanken, wie wird das mit den Pässen. Dann kämpfst du dich da rüber, oben angekommen tut es schon nicht mehr weh und jetzt ist schon alles vorbei. Durch Villeneuve konnte ich durch die nette Altstadt fahren.  Nach kurzer Zeit kam ich nach Montreux: viel Verkehr, Haufen Leute von Schickeria mit Porsche oder Maserati bis kleiner Angeber mit saulautem Miniroller. Und diese alten Protzbauten mochte ich schon damals, als ich in Gegenrichtung in die Berge fuhr, nicht. Die Straße war voll, da versucht eine jung-dynamische Lady im soundigen Cooper S sich von der Seite vorlaut in den Verkehr zu schieben. Ich kann es nicht lassen, grinsend mit halbhoch stehender Bärentatzen-Pedale (die mit den Stahlzacken) eine Sekunde länger als nötig auf die Weiterfahrt im Stop-and-go vor ihrem Auto zu stehen.  Deutsches Kennzeichen: vielleicht Vorurteil, aber die Schweizer wirken sehr viel rücksichtsvoller, Autofahrer zu Radfahrer, Radfahrer zu Fußgänger ohne Hupen und Bimmeln, dafür ab und zu kleine Haken schlagen – mit 4 Taschen am Rad ist das auch eine sportliche Aufgabe. Aber gleich rollt es wieder gut. Dann kommt noch das Bildungs- und Konferenzzentrum des Nestlé-Konzerns. Dagegen wirkt das MMi von Volkswagen in Braunschweig wie eine Selbstversorgerhütte. Für ein Foto habe ich keine Lust, wenn es nur protzig ohne Eleganz wirkt. 

Jetzt geht es mal am Strand entlang  – Sonntagmittag bei bestem Badewetter zwischen Montreux und Lausanne, echt was los – und mal bergauf, bergab die Uferstraße entlang. Und Weinberge, die zu riesigen Weingütern zu gehören scheinen. Und immer wieder der Blick auf den See. Aber mir ist die Gegend zu voll hier. Als ich auf Lausanne zukomme, sehe ich auf dem Tacho  fast 60 km gefahren, ein Blick zurück macht erst hier deutlich, wie weit ich heute morgen schon gradelt bin. In den Bergen siehst dubdas nicht. Es geht zu einem hübschen Park hinunter. Also: Rad im Schatten abgestellt, die socken und Schuhe paar Meter weiter zum Auslüften, sich recken und strecken und dann entspannt die Vespertüte rausholen. Hier lässt es sich ein wenig verweilen.

Durch Lausanne muss ich nicht hindurch, es geht nah am See entlang und trotz der Menschenmassen geht das recht gut. Dazu gibt es auch einen bescheidenen Yachthafen – hier hat sich eben das Geld versammelt. Kurz nach Lausanne verfahre ich mich zu meinem Vorteil. Ich komme auf einen Pfad für Fußgänger direkt am Ufer. Hier wirkt es gemütlich, kein so großes Gedränge. Mamas gehen schon mit Kühltasche und Nachwuchs zum Strand, Papa versucht noch mit 12-Volt-Kompressor am Auto hockend  das Mini-Schlauchboot aufzublasen, zwei ältere Italienerinnen stehen laut parlierend und wild gestikulierend mitten auf der kleinen Straße und Axel muss gleich aufpassen, beim Ausweichen von Fußgängern nicht in den See zu plumpsen  – mit dem vollen Rad, das wäre der Lacher für die Badegäste. Hier mache ich zwar keine Kilometer, aber es gefällt mir. Wenn, würde ich auch hier baden gehen, mit Minigrill und Getränken in der Kühltasche. Nur, ich bin kein Badetyp –  schade. 

Bald kommen kleinere Orte mit schönen alten Ortskernen und Weinberge an den Hängen. Langsam werde ich an Pfalz oder Elsass erinnert. Nur die offenen, bewirtschafteten Winzerhöfe wie Besenwirtschaften sehe ich hier nicht. Auch schade, denn bekennender Beseneinkehrer bin schon – wenn denn einer da ist. Die strecke zieht sich, die Sonne knallt hier unermüdlich und es geht immer so gar lustig steil hoch und mal wieder runter. In Morges fahre ich durch die FuZo, plötzlich vor mir:  Boulangerie – Patisserie et Glace à la maison. Na also, eine Konditorei mit hausgemachtem Eis. Ich finde sofort einen freien Tisch im Schatten und bestelle drin Eis und Milchkaffee bei einer selten elegant-hübschen Bedienung. Ich freu mich schon am Tisch sitzend, dass sie mir mit bezauberndem Lächeln das Eis serviert. Doch es kommt eine andere Kollegin, auch sehr nett, aber nicht so hübsch doch das Eis schmeckt trotzdem wirklich gut. Gestärkt gehe ich den Rest der Tagesetappe an. Die Gegend finde ich hier wiklich bezaubernd: diesseits die Weinberge und -dörfer, gegenüber auf der französischen Seite Berge und Badeorte. Zum Sehen bin ich auf dieser  Seeseite richtig.

Dann ein Blick auf die Karte und in die Landschaft: jawoll, ich habe es wieder geschafft, eine Unterkunft zu buchen, zu der ich noch einmal bergauf fahren darf. Axel kann’s nicht lassen. Meine Navi-App steigert die finale Freude und zeigt mir einen Zickzack-Weg durch die Weinberge: rechts fast senkrecht hoch, links ebenso wiede runter. Dann mit tatsächlich einem kleinen Schiebstück sagt die elektronische Stimme „Sie haben ihr Ziel erreicht“. Wo?? Ich suche so etwas wie ein Minihotel. Gehe auf und ab. Dann sehe ich am Weingut neben mir das Schild bed and breakfast. Doch, hier bin ich richtig. Und lande in einem nett gemachten zweistöckigen Miniappartment bei einem Winzer. Die Fraubdes Hauses kommt aus der Deutschschweiz. Jetzt, müde und kaputt ist es angenehmer in der Muttersprache. Ich freu mich auf ein Abendessen im Gasthof um die Ecke mitten in den Weinbergen. Doch der hat zu, „sonntags hat hier fast alles zu“. Ok, dann ist der Sonntag hier der Montag in Pfalz, Elsass oder im Harz. Nach dem Duschen stelle ich fest, ich habe noch Vespervorräte und im Kühlschrank sind ein Rosé und ein Weißwein des Hauses, jeweils eine kleine Flasche. Ich entscheide mich für den Weißwein, einen Chasselas grand-cru. Der schmeckt auch wirklich gut. Und mir fallen bald die Augen zu. Morgen nur noch eine kleine Etappe bis Genf.

Das Rhônetal wird breiter und letztlich kommt ich durch das von der  alten Rhône angeschwemmte Delta:


Hier scheiden sich die Geister: durch Evian und an der französischen. Seite entlangfahren


Ein Blick zurück:  Da komme ich her


Die Altstadt von Villeneuve:oooso kann man an auch 500 Jahre Reformation interpretieren mit Luther als Playmobilfigur.

Kurz vor Lausanne: Bärbel, axhte auf die Partnerstadt von Pully


Einer dieser großenWienbaugebietes vor Lausanne

Pause im Park:


Lausanne mit „kleinem“ Hafenbecken:


… mit Pause im Park

Jetzt kommt der schöne Strand und danach wird auch die Landschaft schön:


Nach Morges in einem Ort: Place de l’Horraire ( Uhrzeit):


Und wenn man schon beim Winzer wohnt – gibt es auch einen edlen Tropfen, in diesem Fall  Chasselas Grand Cru

27. Tag, Sonnabend, 17.6.: Sierre – Monthey / 71 km, 200 hm

Als ich am Sonnabend morgen losfuhr, war ich mit meinen Gedanken wenig bei meiner Tour. Mir war klar geworden, dass ich auch mit sight-seeing radeln spätestens am Montag in Genf sein würde. Und mein Ticket war fix für Sonntag. Was tun?? Zu knapp einer Woxhe Zürich und Umgebung verspürte ich keinerlei Lust. Erstens wüsste ich nicht, was ich eine Woche hier soll: die Stadt ist schnell erkundet, der Bade-und-Strand-öl-+Liegemensch bin ich nicht und – das entscheidenede: das würde ein halbes Vermögen kosten und ich möchte ja auch mit meiner Frau Bärbel noch schöne Dinge unternehmen und es soll ja auch nicht die letzte Radreise gewesen sein.

Also anhalten, recherchieren (eher heim fahren schied aus: min. 4-5x umsteigen, mit Rad und 4 Taschen…) telefonieren… dann stand der Plan: Montag in Genf ankommen, einen Tag – Dienstag – bleiben. Mittwoch zu meiner Schwester nach Filderstadt-Bonlanden und Sonntag wie geplant nachhaus fahren. Ich freue mich schon, weil ich meine „schwäbische Schwester“ schon lange nichr mehr gesehen habe und weil wir zum Abschluss etwas unternehmen können wie z.b. auf der Alb wandern. Und ich bekam wichtige Tipps für einen halbwegs bezahlbaren Kurztripp nach Genf.

So, nun kann wieder geradelt werden. Bis Sion war die Strecke entlang der Rhône recht abwechslungsreich. Auf „meiner“ linken Flussseite kleine Seen und Biotope, rechts – hinter Autobahn und Eisenbahnstrecke – mal weiter weg, mal näher einige Weinberge. Es gibt auch eine Walliser Weinroute durch die Weindörfer auf der rechten Rhôneseite. Die ist bestimmt abwechslungsreich, aber dann ohne großes Gepäck und bummeln.

Da die Route ohnehin durch Sion führt, kaufte ich schnell im Bahnhof ein Ticket für Mittwoch nach Stuttgart und Filderstadt. Weiter ging es auf dem Rhônedamm. Langsam wurde es langweilig. Zum einen landschaftlich nicht mehr so reizvoll und viele Kieswerke o.ä.. Aber besonders nervig war der mittlerweile böenweise stürmische Gegenwind, und das bei den hohen Temperaturen und fast wie an einem Kanal lang. Die Etappe bis Monthey kam mir ziemlich lang vor. Und es wurde teurer:  ich konnte oberhalb von Monthey, in Troistorrents noch für 50 Franken ein Zimmer im Dorfgasthaus bekommen. Kurz vor Monthey konnte ich noch zum Abendessen einkaufen. Ich wollte auf keinen Fall zum Schluss der Etappe mit Gepäck eine steile Bergstraße rauf nach Troistorrents. Ich nahm dann klugerweise auch die moderne kleine Bahn. Die fuhr so steil und zügig bergauf, dass ich mein vollgepacktes Rad kaum halten konnte. Aber tolle Aussichten aus der Bahn! Das Zimmer im Dorfgasthaus „Helvetia“ war dann auch wieder zu dem Kapitel „Erlebnisurlaub“: in einem 300 Jahre alten Haus zwei Stockwerke höher. Der Weg führte hinter das Haus, ein Stockwerk höher war gleichzeitig Eingang zum Nachbarhaus und – seine Garageneinfahrt! Der Weg dorthin war extrem schmal, um die Hausecke rum und so steil, dass ich nur mit Mühe mein Rad dorthin schieben konnte. Ob die Garage überhaupt für ein ausgewachsenes Auto war… Aber vom Hof aus ging es wieder ins Haus und zu meinem Erlebnis-Salon: ein relativ großer Raum mit an 2 Seiten noch erhaltenen Wänden aus Reisezeiten Goethes und Heines und freundlicherweise hatten jene eidgenössischen Zeitgenossen zweibWandschränke hinterlassen. Sahen interessant aus, waren aber kaum zu öffnen und schließen. Sonst fand sich im Raum ein Bett und so etwas ähnliches wie ein ehemaliger Nachtschrank. Ansonsten bot sich – ohne Aufpreis – jede Menge Ablagefläche für Radlers Klamotten auf dem Fußboden. Im Gegensatz dazu – baugeschichtlich ein Stilbruch aber hygienisch angenehmer – war das Bad neu renoviert. Wieder was erlebt. Und 50 Franken sind halt so nah am See wie ländlichen deutschen Regionen 50 Cent – sehr grob gerechnet.